Freitag, 7. Februar 2014

Lügen haben nicht nur kurze Beine!


Schon wieder wurde einer bei der Steuerhinterziehung erwischt. Wir ärgern uns, weil eine geschäftliche Absprache nicht gehalten wurde oder wir nehmen unserem Partner einfach nicht ab, dass er uns nicht hintergangen hat. Lügen und Ausreden gehören einfach zum Leben, mag mancher denken. Und wer eben noch belogen wurde, dem bietet sich jetzt schon die Gelegenheit, es selbst zu tun. Schließlich tun es alle, oder? Und das, obwohl Lügen und fast alle Formen der Unehrlichkeit eigentlich gegen unsere Normen verstoßen und tabu sind.

Die psychologischen Motive zu lügen sind bekannt. Und was fällt der Philosophie dazu ein? Die wohl prominenteste Einlassung zum Thema stammt von Immanuel Kant. Der forderte, niemals zu lügen oder sonst etwas zu tun, was der Gesellschaft (nicht bloß einer beliebigen Gemeinschaft) nach vernünftigen Maßstäben abträglich sein könnte. Egal, ob hierfür Bestrafung droht oder Belohnung winkt.

Ich behaupte: Die Kantische Forderung, ausgedrückt in dem berühmten kategorischen Imperativ ist zeitlos-aktuell. Menschen sind gesellschaftliche Wesen, die aufeinander angewiesen sind. Zusammenleben ist ohne Vertrauen kaum vorstellbar. Unwahrhaftigkeit, Trickserei zerstören es. Wer lügt, versucht indes nicht nur nach eigenen Spielregeln zu handeln, sondern er nutzt (mehr oder weniger) bewusst aus, dass diejenigen, die er belügt, an diese Regeln und deren Anwendung durch ihn glauben.

Wir sollten uns klar machen, dass Lüge und Betrug ohne Vertrauen und die Erwartung, nicht belogen zu werden, schlicht nicht funktionieren können. Deshalb verhält sich der Unehrliche per se unmoralisch, egal, wen er, aus welchen subjektiven Motiven belügt: das Finanzamt, die Öffentlichkeit, den Partner im privaten oder geschäftlichen. Man sagt, Lügen haben kurze Beine und meint das Risiko, erwischt zu werden. Die vernunftethische Variante müsste lauten: Lügen haben, da sie auf die allgemeine Erwartung der Wahrhaftigkeit und des guten Willens angewiesen sind, gar keine Beine. Lüge und Betrug sind somit keine Optionen vernünftigen Handelns.

Das heißt nicht, wie Kant rigoros meinte, dass man stets unter wirklich allen nur denkbaren Umständen die Wahrheit sagen muss: Wenn ein Peiniger seinem Opfer hinterhereilt und mich fragt, wo er die von ihm verfolgte Person wohl finden könne, muss und sollte ich nicht einfach mein Wissen preisgeben, sondern ihn zunächst nach der Legitimation, nach seinem Interesse an der Auskunft, befragen. Wenn er mich dann belügt, und mich auf diese Weise zur zielführenden Auskunft bewegt, liegt die moralische Schuld auch in diesem Punkt bei ihm, nicht bei mir. Während ich meine Verantwortung für die Rechte des Opfers pflichtgemäß ausgeübt habe (oder wenigstens versucht habe, es zu tun), hat er mich erfolgreich hinters Licht geführt.

Hinters Licht führen wollen auch viele Menschen, gerade auch in gesellschaftlich exponierter Position, die besonderen Respekt und Anerkennung für ihre Position und ihre Person erwarten. Typischerweise verstoßen sie erst ungeniert gegen Gesetze, die guten Sitten oder beides und verlangen, wenn die Sache auffliegt, öffentlich Absolution. Sind wir nicht alle fehlbar, fragen uns die Ertappten, und sind nicht die Steuersätze für Millionäre hierzulande nicht einfach viel zu hoch? Die Öffentlichkeit solle Nachsicht zeigen; auch Menschen, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind und auch die Masse der Lohnsteuerzahler. Eine schamloser und ziemlich gewagter Appell an Solidarität, der sich mit Notdurft gemein macht. Es bleibt der zumindest in Teilen berechtigte Vorwurf der Desavouierten, dass ihre Persönlichkeitsrechte verletzt wurden. Die Warnung ist längst bekannt: Privatsphäre, wie wir sie kannten, ist passé. Das Recht, selbst zu entscheiden, was andere über einen wissen können, galt nie absolut. Für unser zivilisiertes Zusammenleben ist es jedoch essenziell.

So wie Verschweigen nicht immer gleich Lügen ist, ist längst nicht alles moralisch verwerflich, was wir dafür halten. Legalität (z.B. Steuergesetze) und Legitimität sind nicht a priori miteinander identisch. Gesetze können moralisch gebotenes Handeln sogar untersagen. Umgekehrt: Was legal sein soll, muss dazu dienen, ethische Werte zu schützen oder deren Realisierung zu fördern. Legalismus und moralischer Rigorismus können den Weg zur sozialen Hölle ebnen. Dass moralische Diskreditierung durch Ausspionieren und Lancieren kompromittierender Nachrichten zum Mittel staatlichen Handelns geworden ist, auch das zersetzt das Fundament freiheitlicher Ordnungen - vielleicht schneller und radikaler als die laxe Moral der Einzelnen.

Wir sind schlecht beraten, dem Zeitgeist unsere Humanität zu opfern. Was moralisch gut ist oder nicht, diese Frage erledigt sich nicht durch pauschale und meist willkürliche Relativierung. Die Auflösung des Kantischen Dilemmas zeigt, dass vernünftige Differenzierung den moralischen Kompass wieder einnorden kann.
Wir können also getrost dem alten Königsberger folgen, und jede Maxime unseres Verhaltens darauf hin überprüfen, ob sie zugleich als Richtschnur für ein allgemeines Gesetz taugen könne.

Vielleicht wären clevere Steuergestalter und auch alle anderen, die mit ihrer moralischen "Performance" (zu Recht oder zu Unrecht) nicht zufrieden sind, mit einer Philosophischen Beratung gut bedient: Hier darf man beichten, ohne (unsinnige) Buße tun zu müssen. Hier wird vernünftig nachgedacht und argumentiert, die persönliche Autonomie immer im Blick. Für den Einsichtigen bleibt immerhin noch die Chance, seine Glückswürdigkeit, ebenfalls ein zentraler Begriff der Kantischen Vernunftethik, (zurück) zu gewinnen.Es liegt auf der Hand, dass wir uns um unsere moralische Integrität bemühen sollten - bevor unsere Lügen uns ins Straucheln bringen.