Freitag, 16. Oktober 2015

Gibt es ein Leben vor dem Tod?



Die philosophische Aufklärung hat die Frage nach dem jenseits unserer möglichen Erfahrung Liegenden überzeugend beantwortet. Demnach kann es kein Leben nach dem Tod geben, und eine provokante Frage könnte lauten, ob es denn eines davor gebe. Damit ist nicht bloß Faktisches gemeint, sondern die Art, wie wir unser Leben gestalten. Womit verbringen wir unsere Lebenszeit? Erschöpft sich unsere Existenz im Erfüllen von Erwartungen und im Ausfüllen von Rollen? Was bleibt in unseren Augen wünschenswert aber anscheinend unerfüllbar?
Während Ökonomen, Soziologen und Konsumforscher ermitteln, wieviel von wem in einer Gesellschaft gearbeitet und konsumiert wird, werden Philosophen danach befragt, welcher Sinn dahinter stecken könnte oder sollte. Ein Blick auf Büchertische und in die auch diesmal wieder gut gefüllten Veranstaltungsorte der PhilCologne lässt vermuten, dass die Suche nach Sinn und Orientierung Hochkonjunktur hat. Und weil Philosophen weder besonders schön sind noch gut Fußball spielen, liegt die Vermutung nahe, dass Menschen von ihnen eher Antworten auf existenziell-wichtige Fragen erwarten. Wie wir denn vernünftigerweise leben sollen, ist eine davon.
Dem guten oder gelingenden Leben gilt in der Tat seit jeher das Hauptinteresse der Philosophie, und diese Frage macht sie für viele Menschen interessant. Ob allerdings philosophische Reflexionen unser Denken und Handeln  ändern oder auch nur beeinflussen können, liegt dabei nicht nur an der Überzeugungskraft ihrer Argumente sondern auch an unserer Bereitschaft, neue Einsichten umzusetzen. Dies setzt Offenheit voraus und die Motivation, Ziele erreichen zu wollen. Reflexhaft weisen wir jedoch gerne auch noch so vernünftige Gedanken zurück und bestehen darauf, dass jeder schließlich seines Glückes Schmied, der Mensch nicht zum Besseren geschaffen und alle Wahrheit doch immer nur subjektiv sei. Dies sind zwar weniger unabweisbare Erkenntnisse als selbst philosophische Mantren, aber zur Immunisierung unseres Selbstbilds und zur Abwehr „idealistischer Schwärmereien“ taugen sie allemal. Man muss kein Bundeskanzler gewesen sein, um Visionen für krankhaft zu halten.
Lebten wir in der besten aller möglichen Welten, wäre jeder Idealismus unverständlich und überflüssig, Realismus dagegen angemessen. Bekanntlich tun wir dies aber nicht. Gesellschaftliche Probleme türmen sich bedrohlich über uns auf, denen mit Resignation und Relativismus nicht beizukommen ist: die globale Klimaentwicklung, Armut, Kriege und Despotie, die Millionen zur Flucht zwingen. Digitale Vernetzung und Algorithmisierung – die Aussicht, dass sich unsere Gesellschaft aller Freiheit und Grundrechte entledigt und in ein Benthamsches Panopticon verwandelt. Und unsere, oft uneingestandene, Sehnsucht nach einem besseren, erfüllteren Leben? Was bleibt von ihr übrig, wenn wir Angst vor jeder Veränderung haben, selbst vor der eigenen, und humanen Fortschritt nicht (mehr) für möglich halten?
Während es für den Gläubigen gottgegebene Prüfungen seiner Gesinnung gab, oft schwerste und bitterste, sprechen zu aufgeklärten Menschen nur die Tatsachen selbst und ihr moralisches Empfinden. Beides fordert uns genauso heraus, indem wir uns fragen, ob wir an uns selbst und an unsere Kräfte glauben und, so verstanden, unserer Existenz einen guten Sinn geben wollen.
Der weltlichen Philosophie, insofern sie Spekulation und Idealismus enthält und als Ethik und politische Theorie auch praktische Bedeutung haben will, scheint es nicht anders zu ergehen als der Religion, die sie kritisch überwunden hat. Sie hat uns gezeigt, dass wir, um sinnerfüllt leben zu können, keine Hoffnung auf ein ideales Jenseits brauchen. Vertrauen darauf, dass ein besseres Diesseits und eine Welt, deren Zustand wir verantworten können, möglich sind, schon.

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