Freitag, 16. Oktober 2015

Ich kann nicht

In einfachen Aussagen steckt oft viel Rätselhaftes. „Ich kann nicht“, ist so eine. Was meint, wer so etwas sagt? Natürlich hängt es von der Frage ab, auf die das behauptete Nichtkönnen antwortet.
Dass Nichtkönnen durch Nichtwollen zu ersetzen sei, gehört dennoch zu den Grundannahmen der Coaches und Mentaltrainer. Angesichts der kaum bestreitbaren Existenz von Dingen, die man beim besten willen nicht kann oder auch nicht können soll, weshalb man sinnvollerweise auf die Ausübung verzichtet, ist dieses Mantra zunächst erstaunlich.
Was ist also dran an der modernen, vielleicht auch nur modischen Skepsis gegenüber dem Nichtkönnen? Motiviert wird sie häufig schon durch widersprüchliches Wünschen und Verhalten oder durch den Verdacht, dass jemand lieber mit verborgenen Karten spielt. Taktische Ausreden, besonders die oft vorgebrachten Sachzwänge, kennt schließlich jeder von uns. Interessanter noch ist die Entlarvung unnötiger Selbstbeschränkung: Eigentlich können und wollen wir schon, aber irgendetwas hindert uns daran, es wenigstens zu versuchen. Dieses Etwas ist uns manchmal nicht bewusst oder wir wollen davon nichts wissen; eine Herausforderung für die allseits geforderte Selbstoptimierung, der es darum geht, mehr aus sich selbst und seinem Leben zu machen.
Handlungsoptionen sind seit jeher auch Thema der Philosophie. Anders als die Psychologie interessiert sie sich jedoch weniger für individuelle Motive als für die Erkenntnis dessen, was allen Menschen möglich ist und für das Ziel, ein gelingendes Leben zu führen, auch sein muss. Selbst lebensnahe Denkschulen wie der Stoizismus mit seiner bekannten Forderung, das zu erkennen und auszuhalten, was nicht zu ändern ist und das zu ändern, was geändert werden muss, gehen aufs Allgemeine und Grundsätzliche. Wichtig sind solche Reflexionen für die ethische Theorie, die uns moralische Ansprüche an unser Wollen und Handeln nachvollziehbar begründen soll. Eine Erkenntnis daraus: Niemand soll zu Unmöglichem gezwungen werden. Bleibt offen, wozu wir uns in der Lage erklären oder vielleicht sogar verpflichten sollen. Immer nicht zu können, damit ließe sich ein kategorischer Imperativ jedenfalls nicht vereinbaren, nur um den Preis allgemeiner Untätigkeit und mithin einer gänzlich unfreien Gesellschaft ließe sich solch eine Maxime verallgemeinern.
Wer nie „etwas kann“, versäumt viel und gerät ins Abseits. Dennoch erscheint die Can-Do-Attitude der Coaches und Trainer mit ihrem „geht nicht gibt’s nicht“ eindimensional. Dabei ist es auffällig- paradox, dass das Individuum eine phantastische Aufrüstung der ihm zugeschriebenen Freiheit und Verantwortlichkeit gerade jetzt erfährt, wo seine Handlungsspielräume durch die Systemwelt mit ihren Zwängen und subtilen Manipulationsmöglichkeiten derart eingeschränkt erscheinen. Entfremdung wurde das früher genannt. Reicht es den modernen Glücksoptimierern, dass ein jeder für sich danach strebt, ein erfolgreiches, allgemeines Leben zu führen und sich für alles andere unzuständig zu erklären?
Einseitig und damit falsch wirkt auch die Aufklärung über die biologische Determiniertheit des Menschen, die unser Verhalten von evolutionsbedingten Erfolgsstrategien unserer Gene ableitet und sich dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse beruft. Wären Forschungsergebnisse nicht bekanntermaßen stets vorläufig und deren Deutung ideologiefrei und unproblematisch – der biologische Determinismus würde allen notorischen Nichtkönnern Recht geben und sie zu den wahren und einzigen Realisten machen. Illusionslos müssten sie abnicken, was ihnen vorgesetzt wird.  
Was bleibt? Vielleicht nur die Erkenntnis, dass wir jederzeit selbst bestimmen sollten, wozu wir persönlich bereit und in der Lage sind. Um uns selbst über unsere wahren Möglichkeiten zu vergewissern und andere mit ihrem Interesse an uns ernst zu nehmen, hilft am Ende nur eines: Neues ausprobieren und den Mut haben zu bekennen, wenn wir etwas zwar wohl versuchen könnten, es aber einfach nicht wollen. Und dann gibt es ja auch noch das „ich muss“. Noch so eine rätselhafte Aussage.

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