Mittwoch, 14. Oktober 2015

Rettet Europa!

Wenn Gefahr droht, sind bekanntlich weder Panik noch Wegschauen sinnvoll. Die Europäische Gemeinschaft steht vor der größten Krise seit ihrer Gründung, und es stellt sich die Frage, ob wir das achselzuckend hinnehmen wollen.

So sieht Europa in diesen Tagen aus: Nord gegen Süd und Ost gegen West. Nationalisten gegen Föderale. Oben gegen unten, reich gegen arm. Unter dem Druck der Finanzmärkte ist das Vertrauen in Regierungen und in den Euro weitgehend dahingeschmolzen. Nationalismus und Stacheldraht haben Konjunktur. Die Europäische Gemeinschaft zeigt wenig Gemeinschaftssinn und Menschlichkeit, und das nicht nur seit der "Flüchtlingskrise". Sie ist vor unseren Augen dabei zu zerbrechen. Rette sich, wer kann. Fragt sich, wohin?

Für Europa geht niemand auf die Straße. Die große Mehrzahl seiner Bürger straft die Gemeinschaft mit Gleichgültigkeit oder Verachtung – als ob es nur um Gurkenkrümmungswinkel und die unberechtigten Subventionen der anderen ginge und nicht um die Gefahren des Rückfalls in den Wahnsinn nationalstaatlicher Rivalität. Glauben wir tatsächlich, dass sich nur irgendeine der Herausforderungen der Gegenwart durch Nostalgie und Eigensinn besser meistern ließe als durch die Solidarität und die Zusammenarbeit der Menschen über alle Grenzen hinweg?

Vieles steht jetzt auf dem Spiel. Nicht nur der gemeinsame Markt für Waren, Dienstleistungen und Kapital, der Erfolg eines selbsterklärten Global Players, der Nummer drei der wirtschaftlichen Machtzentren der Welt. Europa ist auch der Sitz des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und des Internationalen Strafgerichtshofs. Hier bekennt man sich, wenn auch oft halbherzig, zu Bürger- und Menschenrechten. Menschen in aller Welt, die sich nach Freiheit und Wohlstand sehnen, schauen neidvoll in unsere Richtung - und können unseren Gleichmut kaum fassen.

Nationaler Egoismus, auch im Namen stabilitäts- oder fiskalpolitischer Prinzipien und auf dem Rücken der Armen und Vertriebenen ausgeübt, wird Europa sicher nicht helfen, im Gegenteil. Gegenseitiger Respekt, Dialog und vor allem auch die Bereitschaft zu solidarischem Handeln sind gefragt. Und wenn sich zeigen sollte, dass die Europäische Gemeinschaft auf gesellschaftlicher Ebene noch gar nicht existiert - warum sollten wir sie jetzt als ihre Bürger nicht gründen?

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