Sonntag, 18. Oktober 2015

Vor der eigenen Tür



Äußerungen über Moral sind ja stets heikel. Wer anderen Unmoral vorhält, hört oft, dass er wohl besser vor seiner eigenen Tür kehren solle. Das ist sicher eine sinnvolle Forderung gegenüber aufgeregten und selbstgerechten Zeitgenossen, die schnell mit dem Zeigefinger auf andere zeigen, um sie zu diffamieren. Wer Mißstände beklagt und auf die Einhaltung von ethischen Standards dringt, ist deshalb jedoch kein moralistischer Spielverderber.
Und Anlass zur Klage, nicht nur im juristischen Sinn, gibt es reichlich. So wurde der größte deutsche Automobilhersteller beim systematischen Manipulieren wichtiger Testergebnisse erwischt, die selbsternannte Lobbyorganisation der Autofahrer beim dreisten Fälschen von Umfragen. Das mächtigste deutsche Finanzinstitut wirbt um Vertrauen, das es immer noch nicht verdient. Die Glaubwürdigkeit der Politiker, in den Augen vieler Bürger ist sie ebenfalls schon dahin, und achselzuckend nehmen wir hin, dass Deutschland inzwischen der drittgrößte Waffenexporteur weltweit ist. Kritik an solchen Mißständen wird häufig mit der Sorge um Arbeitsplätze abgewiesen. „Wenn wir es nicht tun, macht es ein anderer“ – ein armseliger Realismus, der alles rechtfertigt und eine jämmerliche Welt erzeugt. Dass der Mensch nunmal schlecht sei – eine Plattitüde, die Sein und Sollen verwechselt.
Soviel Unmoral, scheint es, war nie, und das mag daran liegen, dass sich heutzutage wenig vertuschen lässt, jedenfalls nicht auf Dauer. Ob die Menschen „schlechter“ sind als irgendwann früher, wie vor allem Ältere oft finden, ist zu bezweifeln. Vielleicht macht einseitige Erfolgsorientierung rücksichtslos. Fest dagegen steht: Moralität, bei der es sich nicht um kleinliches Ereifern und um den Versuch geht, sich selbst und anderen das Leben madig zu machen, bleibt immer aktuell. Sie zählt zu den wichtigsten Voraussetzungen unseres Zusammenlebens. Kein Sachzwang oder übergeordnetes Ziel kann ihren Wert relativieren oder überflüssig machen. Und selbst angesichts gesellschaftlichen Wertewandels gilt: Wer um seines Vorteils willen lügt, betrügt. Er setzt das Vertrauen anderer voraus und mißbraucht es. Die er täuscht, hält er für so dumm, dass sie es schon nicht merken oder sich zumindest nicht effektiv wehren werden. Meist ist das eine eklatante Fehleinschätzung, die sich Überheblichkeit und einem zynischen Menschenbild verdankt.
Beihilfe leisten, auch das ist nicht in Ordnung. Der „kleine“ Angestellte beispielsweise macht krumme Touren arbeitsteilig mit und beruft sich darauf, nur auf Anweisung zu handeln. Moralisch wäre es geboten, nicht mitzumachen. Sicher ist das einfacher gesagt als getan, schließlich sind Sanktionen oder andere Nachteile ernsthaft zu fürchten. Doch selbst wer ungeschoren davon kommt: Resignation und Opportunismus bezahlt man mit dem Verlust von Selbstachtung.
Auch am Ende der Kette, als Kunde und Bürger, können wir auf schlechte Sitten Einfluss nehmen, indem wir miese Praktiken belohnen oder bestrafen. Zugegeben: Manche üblen Tricks sind selbst für Fachleute schwer und erst spät zu erkennen. Die Antwort auf solche Machenschaften muss daher umso deutlicher ausfallen. Auch unser Konsumverhalten gehört auf den Prüfstand, und auf mörderische Geschäfte müssen wir nicht stolz sein. 
Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür – richtig verstanden macht das Sprichwort Sinn, wenn es zur moralischen Selbstbesinnung und Selbstbestimmung aufruft. Philosophen sprechen von der Autonomie, der Fähigkeit, von seinem eigenen Verstand vernünftig Gebrauch zu machen und der Mut, sein Handeln auch danach auszurichten. Das erscheint als einziger Ausweg aus der Misere, die sich zwangsläufig ergeben muss, wenn wir immer den einfachen Weg gehen und uns am Schlechtesten orientieren. Kehren wir also vor unserer eigenen Tür und seien wir uns selbst Vorbild. Vielleicht folgen uns dann auch andere. Falls nicht, können wir ja immer noch klagen. Zu scheinheiligen Moralisten macht uns dies nicht.

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