Äußerungen über Moral sind ja
stets heikel. Wer anderen Unmoral vorhält, hört oft, dass er wohl besser vor
seiner eigenen Tür kehren solle. Das ist sicher eine sinnvolle Forderung gegenüber
aufgeregten und selbstgerechten Zeitgenossen, die schnell mit dem Zeigefinger
auf andere zeigen, um sie zu diffamieren. Wer Mißstände beklagt und auf die
Einhaltung von ethischen Standards dringt, ist deshalb jedoch kein
moralistischer Spielverderber.
Und Anlass zur Klage, nicht nur
im juristischen Sinn, gibt es reichlich. So wurde der größte deutsche
Automobilhersteller beim systematischen Manipulieren wichtiger Testergebnisse
erwischt, die selbsternannte Lobbyorganisation der Autofahrer beim dreisten
Fälschen von Umfragen. Das mächtigste deutsche Finanzinstitut wirbt um
Vertrauen, das es immer noch nicht verdient. Die Glaubwürdigkeit der Politiker,
in den Augen vieler Bürger ist sie ebenfalls schon dahin, und achselzuckend
nehmen wir hin, dass Deutschland inzwischen der drittgrößte Waffenexporteur
weltweit ist. Kritik an solchen Mißständen wird häufig mit der Sorge um
Arbeitsplätze abgewiesen. „Wenn wir es nicht tun, macht es ein anderer“ – ein
armseliger Realismus, der alles rechtfertigt und eine jämmerliche Welt erzeugt.
Dass der Mensch nunmal schlecht sei – eine Plattitüde, die Sein und Sollen verwechselt.
Soviel Unmoral, scheint es, war
nie, und das mag daran liegen, dass sich heutzutage wenig vertuschen lässt,
jedenfalls nicht auf Dauer. Ob die Menschen „schlechter“ sind als irgendwann
früher, wie vor allem Ältere oft finden, ist zu bezweifeln. Vielleicht macht
einseitige Erfolgsorientierung rücksichtslos. Fest dagegen steht: Moralität,
bei der es sich nicht um kleinliches Ereifern und um den Versuch geht, sich
selbst und anderen das Leben madig zu machen, bleibt immer aktuell. Sie zählt
zu den wichtigsten Voraussetzungen unseres Zusammenlebens. Kein Sachzwang oder
übergeordnetes Ziel kann ihren Wert relativieren oder überflüssig machen. Und
selbst angesichts gesellschaftlichen Wertewandels gilt: Wer um seines Vorteils
willen lügt, betrügt. Er setzt das Vertrauen anderer voraus und mißbraucht es. Die er täuscht, hält er für so dumm, dass sie es schon nicht merken oder sich
zumindest nicht effektiv wehren werden. Meist ist das eine eklatante Fehleinschätzung,
die sich Überheblichkeit und einem zynischen Menschenbild verdankt.
Beihilfe leisten, auch das ist
nicht in Ordnung. Der „kleine“ Angestellte beispielsweise macht krumme Touren
arbeitsteilig mit und beruft sich darauf, nur auf Anweisung zu handeln. Moralisch
wäre es geboten, nicht mitzumachen. Sicher ist das einfacher gesagt als getan,
schließlich sind Sanktionen oder andere Nachteile ernsthaft zu fürchten. Doch
selbst wer ungeschoren davon kommt: Resignation und Opportunismus bezahlt man mit
dem Verlust von Selbstachtung.
Auch am Ende der Kette, als
Kunde und Bürger, können wir auf schlechte Sitten Einfluss nehmen, indem wir
miese Praktiken belohnen oder bestrafen. Zugegeben: Manche üblen Tricks sind
selbst für Fachleute schwer und erst spät zu erkennen. Die Antwort auf solche Machenschaften
muss daher umso deutlicher ausfallen. Auch unser Konsumverhalten gehört auf den
Prüfstand, und auf mörderische Geschäfte müssen wir nicht stolz sein.
Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür – richtig verstanden
macht das Sprichwort Sinn, wenn es zur moralischen Selbstbesinnung und
Selbstbestimmung aufruft. Philosophen sprechen von der Autonomie, der
Fähigkeit, von seinem eigenen Verstand vernünftig Gebrauch zu machen und der
Mut, sein Handeln auch danach auszurichten. Das erscheint als einziger Ausweg
aus der Misere, die sich zwangsläufig ergeben muss, wenn wir immer den
einfachen Weg gehen und uns am Schlechtesten orientieren. Kehren wir also vor
unserer eigenen Tür und seien wir uns selbst Vorbild. Vielleicht folgen uns
dann auch andere. Falls nicht, können wir ja immer noch klagen. Zu
scheinheiligen Moralisten macht uns dies nicht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen