Die philosophische Aufklärung
hat die Frage nach dem jenseits unserer möglichen Erfahrung Liegenden
überzeugend beantwortet. Demnach kann es kein Leben nach dem Tod geben, und
eine provokante Frage könnte lauten, ob es denn eines davor gebe. Damit ist
nicht bloß Faktisches gemeint, sondern die Art, wie wir unser Leben gestalten.
Womit verbringen wir unsere Lebenszeit? Erschöpft sich unsere Existenz im
Erfüllen von Erwartungen und im Ausfüllen von Rollen? Was bleibt in unseren
Augen wünschenswert aber anscheinend unerfüllbar?
Während Ökonomen, Soziologen und
Konsumforscher ermitteln, wieviel von wem in einer Gesellschaft gearbeitet und
konsumiert wird, werden Philosophen danach befragt, welcher Sinn dahinter
stecken könnte oder sollte. Ein Blick auf Büchertische und Bestseller-Listen lässt vermuten, dass
die Suche nach Sinn und Orientierung Hochkonjunktur hat. Und weil Philosophen
weder besonders schön sind noch gut Fußball spielen, liegt die Vermutung nahe,
dass Menschen von ihnen eher Antworten auf existenziell-wichtige Fragen
erwarten. Wie wir denn vernünftigerweise leben sollen, ist eine davon.
Dem guten oder gelingenden Leben
gilt in der Tat seit jeher das Hauptinteresse der Philosophie, und diese Frage
macht sie für viele Menschen interessant. Ob allerdings philosophische
Reflexionen unser Denken und Handeln
ändern oder auch nur beeinflussen können, liegt dabei nicht nur an der
Überzeugungskraft ihrer Argumente sondern auch an unserer Bereitschaft, neue
Einsichten umzusetzen. Dies setzt Offenheit voraus und die Motivation, Ziele
erreichen zu wollen. Reflexhaft weisen wir jedoch gerne auch noch so
vernünftige Gedanken zurück und bestehen darauf, dass jeder schließlich seines
Glückes Schmied, der Mensch nicht zum Besseren geschaffen und alle Wahrheit
doch immer nur subjektiv sei. Dies sind zwar weniger unabweisbare Erkenntnisse
als selbst philosophische Mantren, aber zur Immunisierung unseres Selbstbilds
und zur Abwehr „idealistischer Schwärmereien“ taugen sie allemal. Man muss kein
Bundeskanzler gewesen sein, um Visionen für krankhaft zu halten.
Lebten wir in der besten aller
möglichen Welten, wäre jeder Idealismus unverständlich und überflüssig,
Realismus dagegen angemessen. Bekanntlich tun wir dies aber nicht. Gesellschaftliche
Probleme türmen sich bedrohlich über uns auf, denen mit Resignation und Relativismus
nicht beizukommen ist: die globale Klimaentwicklung, Armut, Kriege und
Despotie, die Millionen zur Flucht zwingen. Digitale Vernetzung und
Algorithmisierung – die Aussicht, dass sich unsere Gesellschaft aller Freiheit
und Grundrechte entledigt und in ein Benthamsches Panopticon verwandelt. Und
unsere, oft uneingestandene, Sehnsucht nach einem besseren, erfüllteren Leben?
Was bleibt von ihr übrig, wenn wir Angst vor jeder Veränderung haben, selbst
vor der eigenen, und humanen Fortschritt nicht (mehr) für möglich halten?
Während es für den Gläubigen
gottgegebene Prüfungen seiner Gesinnung gab, oft schwerste und bitterste,
sprechen zu aufgeklärten Menschen nur die Tatsachen selbst und ihr moralisches
Empfinden. Beides fordert uns genauso heraus, indem wir uns fragen, ob wir an
uns selbst und an unsere Kräfte glauben und, so verstanden, unserer Existenz
einen guten Sinn geben wollen.
Der weltlichen Philosophie,
insofern sie Spekulation und Idealismus enthält und als Ethik und politische
Theorie auch praktische Bedeutung haben will, scheint es nicht anders zu
ergehen als der Religion, die sie kritisch überwunden hat. Sie hat uns gezeigt,
dass wir, um sinnerfüllt leben zu können, keine Hoffnung auf ein ideales
Jenseits brauchen. Vertrauen darauf, dass ein besseres Diesseits und eine Welt,
deren Zustand wir verantworten können, möglich sind, schon.
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